Jungen- Identitätsbildung durch Medien
Ausgangslage
Die männliche wie auch die weibliche Rollenfindung und Identitätsbildung
ist durch die Prämisse der Umstrukturierung gekennzeichnet.
Die Gender-Perspektive betont, dass die sozial konstruierte Geschlechtsidentität
durch Erfahrungen, Interaktion, Sozialisation, (Vor-) Bilder, Wert- und Normvorstellungen
konstruktiv oder auch destruktiv beeinflusst wird. Von großem Einfluss
dürfte hierbei die Veränderung der Arbeitswelt, die geschlechtsbezogenen
Rollenvorstellungen und –erwartungen der Familie und die medialen (Vor-)
Bilder für „männliches“ bzw. „weibliches“ Verhalten
und Erleben sein.
Stereotype „Männlichkeitsvorstellungen“, die gesellschaftlich
verankert sind, stoßen auf Herabsetzung und Defizitkonstruktionen.
Traditionelle Leistungserwartungen (wie Stärke, Durchsetzungsfähigkeit
usw.) scheinen dem Anspruch nach sozialen Kompetenzen (wie z.B. Kommunikationsfähigkeit,
Empathie) zu widersprechen. Männliche Jugendliche sind bezogen auf das
tradierte Bild mit den vielfachen Brüchen, Abweichungen und Ambivalenzen
konfrontiert.
Die Adoleszenz kann als die wichtigste Phase gekennzeichnet werden, in der
Identitätskompetenz und die Fähigkeit zum flexiblen und angemessenen
Umgang mit unterschiedlichen Rollenerfordernissen ausgebildet wird. Unangemessene
und einseitige Geschlechtsstereotype verhindern die Nutzung von Optionen
und Ressourcen und führen in Sackgassen der Identitätsbildung.
Stellenwert der Medien
Medien haben in diesem Prozess des Experimentierens mit verschiedenen Identitätsentwürfen eine wichtige sozialisierende Funktion. Neben Fernsehgerät, Radio, Videorekorder und Hifi-Anlage zählen auch das Handy und der Computer zum Standardinventar in den deutschen Haushalten (JIM-Studie 2002). Bücher und Videoclips liefern mit Vorbildern und Helden den Stoff, aus dem die Traumwelten gestrickt werden. Das Fernsehen bietet Gesprächsstoff und stiftet Gemeinsamkeiten. Aktuelle musikalische Stilrichtungen drücken auf eine intensive Weise das Lebensgefühl Jugendlicher aus. Mediale Ausdrucksmittel erweitern oder begrenzen den Horizont für neue Sichtweisen. Das Internet eröffnet neue Perspektiven, um den Begrenzungen des sozialen Nahraums zu entfliehen. Die Darstellung der eigenen Identität, und das spielerische Experimentieren mit anderen Identitäten ermöglicht es Erfahrungen zu machen, für die es im unmittelbaren Kontakt kein Äquivalent gibt.
Die zentrale Frage lautet hier, inwieweit die Medien zu einem bestimmten
Männer- bzw. Frauenbild beitragen bzw. wie die Geschlechterrollen in
den Medien dargestellt werden. Die Geschlechterrollen in den Medien sind überwiegend
Stereotype, die einer umfassenden Identitätsentwicklung entgegenstehen.
Sie tragen vielmehr zu einer klischeehaften Überzeichnung bei, verfestigen
sich, anstatt kritisch betrachtet und weiterentwickelt zu werden.
Daher sind geschlechtsspezifische Medienprojekte in einer wandelnden Medien-
und Lebenswelt notwendig, damit das alltägliche Erleben von Medien erfahrbar
und reflektiert wird.
Das Projekt „For Boys“ - Jungs auf der Suche nach neuen Männerrollen
Das primäre Ziel des Projekts „For Boys“ ist die Initiierung,
Entwicklung, Durchführung und die Auswertung medienpädagogischer
Projekte mit Jungen, um die Identitätsbildung männlicher Jugendlicher
zwischen 12 und 18 Jahren zu fördern. Insbesondere sollen sozial benachteiligte
Jungen mit verschiedenen Methoden und Medien angesprochen werden.
Das Medienzentrum des Wissenschaftlichen Instituts des Jugendhilfswerks Freiburg
bezieht die wichtigen und positiven Erfahrungen des Landesleitprojekts „medi@girls
- Stärkung der Medienkompetenz von Mädchen und jungen Frauen“ ein.
In der Förderung der Medienkompetenz junger Frauen wurde in den letzten
Jahren deutlich, dass der geschlechtsspezifische Ansatz der identitätsfördernden
Medienarbeit mit Jungen vernachlässigt wurde. Unsere Erfahrungen zeigen,
dass Jungen einen spezifischeren Zugang zu Medien, sowie andere Vorlieben
hinsichtlich der Mediennutzung haben.
Jungs benötigen Experimentierfelder in denen sie sich, unabhängig
von gesellschaftlichen Wert- und Normkonstrukten, authentisch geben können.
Die handlungsorietierten Medienangebote stellen vielfältige mediale
und soziale Möglichkeiten für Ausdruck und Partizipation bereit,
so dass Orientierungs- und Diskussionsprozesse in Gang gesetzt werden können.
Entsprechende Themen und Inhalte, wie z.B. eine Reportage über Computerspiele
werden gemäß den Lebensentwürfen von Jungen aufgenommen und
berücksichtigt. Dabei ist es für ihren Identifikationssprozess
entscheidend, sich auch an einem pädagogischen Anleiter, der eine Vorbildfunktion
einnimmt, orientieren zu können.
Die Jungen setzen sich mit ihren Themen und Ideen mithilfe von Video, Fotografie,
Aufnahmegerät, Computer oder Internet auseinander, indem sie z.B. einen
Videoclip produzieren oder Collagen gestalten.
Carmen Kunz (Projektleitung)

